Wozu Beratung und Supervision?

Eine meiner ersten Klientinnen in einer Familienberatungsstelle war ein 15-jähriges Mädchen, das dadurch auffiel, dass sie alle ihre Lieblingsdinge an ihre Freunde verschenkte. Sie stand kurz vor dem Suizid, da sie regelmäßig in Reizwäsche vor dem  Vater posieren musste.  Sie litt unendlich und sah keinen Ausweg aus ihrer Lage. Ihre Freunde hatten die Signale glücklicherweise verstanden. Jedoch zog sie sich aus dem Kontakt zur Beratungsstelle zurück, das Jugendamt griff trotz Meldung nicht ein und ich habe bis heute nicht erfahren können, ob diese junge Frau überlebt hat.

Das Trauma ist oft zunächst nicht erkennbar

Wenige Jahre später, nachdem ich meine eigene Praxis eröffnet hatte und körpertherapeutisch arbeitete, stellte ich fest, dass ein überraschend großer Teil meiner Klient*innen und Klienten eine sexualisierte Gewalterfahrung hatte. Die meisten davon waren wegen anderer Fragen und Probleme in die Praxis gekommen: v.a. Essstörungen, Depressionen, Ängsten, Somatisierungsstörungen, PTBS, Borderline PS. Viele davon waren sich ihres Traumas nicht bewusst. Erst im körperorientierten Therapieprozess stellten sich meist bruchstückhafte Flashbacks, Träume oder Körperempfindungen ein, aus denen sich später konkrete Erinnerungen zusammensetzten.

Dies hat mich damals überrascht. 30 Jahre später bin ich überzeugt, dass es eine größere  Zahl von Personen gibt, die sexualisierte Gewalt erfahren hat, ohne selbst davon zu wissen. Andere Klient*innen spüren auf irgendeine Weise, dass sie betroffen sind, haben aber nie mit jemandem darüber gesprochen. Und einige Klient*innen haben vollen Zugang zu dieser Erfahrung; manche davon können sich Hilfe holen. Und nur manche davon erhalten die Hilfe in der Weise, in der sie sie benötigen.

Im Verlauf der Jahrzehnte beobachtete ich, dass Betroffene in Besorgnis erregendem Maße auf Strukturen in Familien und Gesellschaft  im Allgemeinen und Strukturen im Gesundheitswesen im Besonderen treffen, die Heilung verhindern oder sogar Retraumatisierungen auslösen.
Lesen Sie hier: -> Retraumatisierung in Familie, Gesellschaft und Gesundheitssystem

Im Kontakt mit Klient*innen habe ich zu ergründen versucht, was genau sie – u.a. von und mit uns Therapeut*innen  –  brauchen, um zu einem verbesserten Lebensgefühl zu kommen und sich Schritt für Schritt vom Trauma zu lösen, neues Vertrauen in sich und ihre Beziehungen aufzubauen und ihr Leben selbstbestimmt und erfolgreich zu gestalten.

Parallel dazu  habe ich mich gefragt, wie wir als ganze Gesellschaft und speziell wir Therapeut*innen hellhörig und feinfühlig für dieses Thema werden können. Dazu habe ich  über viele Jahre mit Selbsthilfevereinen und in diversen Arbeitskreisen zum Thema „sexueller Missbrauch“ (frühere Bezeichnung), mit dem Jugendamt und der Polizei zusammen gearbeitet und Fortbildungen zum Thema besucht. Später habe ich ein Frauenhaus und eine Schwangerschaftsberatung supervidiert und in einer Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt therapeutisch mitgearbeitet.

Die Quintessenz aus diesen Erfahrungen und meine Schlussfolgerungen daraus für die therapeutische Praxis sind auf dieser Seite zusammengefasst.

Diese Seite möchte

  • zur Bewusstseinsbildung über die Schwere und die Häufigkeit dieser individuell und gesellschaftlich verdrängten Verletzung beitragen,
  • helfen, effektive therapeutische Hilfen für die Betroffene weiter auszubauen und adequate Strukturen im Gesundheitssystem fest zu verankern.
  • Die Fachdiskussion und die Vernetzung von Hilfestellen weiter anregen
  • Den Dialog zwischen Betroffenen und Behandelnden zu der Frage, was sie für ihren Genesungsweg brauchen, fördern

…und möglicherweise entstehen aus Ihren Beiträgen neue Artikel oder auch Initiativen zur Verbesserung der Gesamtsituation Betroffener.