Langzeitperspektiven

Die Verarbeitung sexualisierter Gewalt ist immer ein Jahre- oder Jahrzehnte-, wenn nicht lebenslanger Prozess. Jedoch kann meiner Erfahrung nach ein großer Teil der Betroffenen seine Balance und ein positives Lebensgefühl zurückgewinnen, wenn genügend kompetente Hilfsangebote  zur Verfügung stehen. Allerdings fällt es schwer zu sagen, wie es denjenigen langfristig geht, die ihre Erfahrungen nicht erinnern, sich niemandem mitteilen oder die keine echte Hilfe bekommen.

Die Wege zur inneren Balance sind individuell unterschiedlich und führen meist über viele Etappen, teilweise extreme Herausforderungen, schwere Lebenskrisen und Hindernisse.
-> Mehrfachbelastung der Betroffenen

Die meisten meiner Klient*innen beschreiben es so, dass die Erfahrung ihren Lebensweg unumkehrbar geprägt hat und dass sie sie auf irgendeine Weise immer in sich tragen. Manchen gelingt es, dem verletzten Anteil einen sicheren Platz in ihrem Innern zu geben. Andere können die Erfahrung in besondere Fähigkeiten und Kenntnisse umwandeln und daraus eine Lebensaufgabe kreieren, die ihr einen Sinn verleiht. Im besten Falle können Betroffene innerlich Frieden finden. Ein direktes Bedürfnis nach Vergebung oder Versöhnung mit Täter*innen habe ich bei meinen Klient*innen nicht erlebt. Vielmehr waren die meisten über Jahre damit beschäftigt, innerlich und äußerlich Distanz zu gewinnen und vor sich selbst die Schwere der Verletzung gelten zu lassen – sich zu glauben und ihre Selbstachtung und Integrität wieder zu spüren.

Die Erwartung bzw. der Wunsch Betroffener, Täter*innen mögen sich der Auswirkung ihrer Taten bewusst werden und sich bei ihnen entschuldigen, wird i.d.R. nicht erfüllt. Dies ist für Viele eine besonders schwer zu verarbeitende Tatsache.

Bei innerfamiliärer sexualisierter Gewalt ist für einen Teil der Betroffenen eine – teilweise oder vollständige – Distanzierung von der Familie notwendig. Andere Betroffene etablieren individuelle Schutzmechanismen, wiederum andere verharren in einer Art „Stockholm Syndrom“ – einer mehr oder weniger intimen Nähe zur Täterperson, bei der die Verletzung abgespalten wird. Gründe hierfür können sein:

  • eine starke emotionale Bindung zur Täterperson, emotionale Ambivalenz
  • (realistische) Ängste, das Familiensystem zu sprengen oder deren Ruf zu schädigen
  • die eigene Position in oder die Zugehörigkeit zu der Familie aufs Spiel zu setzen.

-> Retraumatisierung  in der Familie

Für die Zeit nach Beendigung der Psychotherapie ist der Aufbau eines tragfähigen Auffangnetzes und stabiler persönlicher Beziehungen, in denen sich die Person angenommen fühlt, von besonderer Relevanz.

Weitere entscheidende Faktoren sind: ein neu gebildetes Selbstwertgefühl, täglich gelebte Selbstfürsorge, Selbstrespekt und  ein wiedergefundenes Vertrauen in die eigenen Kräfte. Ein harmonisches Arbeitsumfeld, in dem die Betroffenen Anerkennung erfahren können, ist natürlich zusätzlich förderlich.

Eine neue Balance finden die meisten Betroffenen auch durch das Loslassen und Verändern innerer Grundüberzeugungen (vor allem über den eigenen (Un-)Wert und die Stellung in Familie und Gesellschaft) Auf dieser Basis können sie neue, selbstwertschätzende Verhaltensmuster entwickeln.

Sexualität kann dann wieder als ein Raum für intime Nähe, Vertrauen und Genuss erlebt werden, wenn die Person stabile Grenzen entwickeln und sich als Folge daraus auch im erotischen Kontakt  zu einhundert Prozent sicher fühlen kann. Einige treffen Vereinbarungen mit ihren Partner*innen, die sicher stellen, dass Grenzüberschreitungen frühzeitig erkannt und so vermieden werden können. Aber auch in diesem Bereich bleiben Narben, denn Viele berichten, sie würden viele Jahre später – nicht nur in intimen Situationen – noch immer  plötzlich an die traumatische Situation erinnert.

Ganz allgemein ist der Aufbau persönlicher Schutzmechanismen und intakter Grenzen von existenzieller  Wichtigkeit. Diese können auf mentaler, virtueller, sprachlicher oder auch auf ganz konkreter Ebene bestehen. (Z.B. Visualisierungen, Selbstaffirmationen, verbale Abgrenzungsfähigkeiten oder ganz einfach abschließbare Türen oder Verhaltensregeln im sozialen Umfeld.)

Die Frage, ob eine Anzeige gegen die Täterperson hilfreich ist, kann nicht pauschal beantwortet werden.  Eine gerichtliche Verurteilung kann für den Genesungsprozess förderlich sein, weil es das  Empfinden der Person in Bezug auf Gerechtigkeit und Selbstwirksamkeit stärken kann. Das Gerichtsverfahren an sich kann jedoch auch als Extrembelastung (und daher stark retraumatisierend) empfunden werden, v.a. wenn es z.B. zu öffentlichen Befragungen, zur Verharmlosung der Tat, Unterstellungen der Einwilligung in das Gewaltgeschehen, milden Strafen oder gar keiner Verurteilung kommt. Bei gerichtlichen Verfahren ist eine „Psychosoziale Prozessbegleitung“ eine große Hilfe, die unbedingt angefragt werden sollte.

Viele Betroffene benötigen nach Abschluss der Psychotherapie weitere stützende Hilfsangebote wie z.B. eine Selbsthilfegruppe oder einen niederfrequenten Kontakt zum/zur Therapeut*in oder zur  Beratungsstelle.