Retraumatisierung und Ausgrenzung

In den Jahren, in denen ich die Entwicklung des professionellen Umgangs mit sexualisierter Gewalt miterlebt habe, gab es viele positive Entwicklungen, wie z:B. die Gründung von Fachberatungsstellen im ganzen Land, die Einsetzung eines „Missbrauchbeauftragten“, eine neuartige Ausbildung in Psychosozialer Prozessbegleitung vor Gericht und einer insgesamt verbesserten Vernetzung der Hilfestellen wie Polizei, Jugendamt, Ärzt*innen u.v.m..

Einiges ist jedoch weiterhin sehr schwierig für Betroffene.

DAS GESUNDHEITSSYSTEM

Zur passenden Hilfe führt oft  ein langer Weg

Schon für die Finanzierung ihrer Psychotherapie müssen Einige im Vorfeld kämpfen. In vielen Gegenden Deutschlands ist die psychotherapeutische Versorgung nur unzureichend gewährleistet, sodass Klient*innen monatelang auf ihren Therapieplatz warten müssen. Hier haben sie auch nicht die Möglichkeit, die Behandelnden auswählen zu können.  Manche geben  an dieser Stelle bereits aus Überforderung auf. Die Therapie wird nur für eine gewisse Stundenzahl bewilligt – bei jedem Antrag auf Verlängerung müssen Betroffene wie Behandelnde fürchten, dass die gewachsene therapeutische Beziehung abrupt beendet werden muss. Auf diese Weise geht erarbeitetes Vertrauen und ein großer Teil der bisher erreichten Therapieziele verloren.

Aber auch wenn Therapeut*innen zur Verfügung stehen, werden in der Psychotherapie zuweilen Retraumatisierungen ausgelöst. Betroffene  berichten z.B., dass sie sich nicht genügend ernst genommen fühlten, sie ihre Grenzen überschritten sahen, sie sich auf Grund ihrer Symptomatik abgewertet fühlten oder sie empfanden Druck, sich mit Täter*innen zu versöhnen. Ob dieses Erleben durch therapeutische Haltungen und Interventionen  oder durch die Aktivierung interner Trigger der Betroffenen ausgelöst wurde, kann im Nachhinein nicht geklärt werden. Aber es ist wichtig, die Gefahr von Verletzungen in der Therapie zu verringern, indem wir die Zusammenarbeit so gestalten, dass sich Betroffene jederzeit sicher und angenommen fühlen können.

Psychosomatische Kliniken bieten traumatisierten Menschen ebenfalls nicht immer die Art therapeutischer Settings, die sie für einen tiefer gehenden therapeutischen Prozess bräuchten. Eng gefasste Zeitrahmen für den Klinikaufenthalt, der Wechsel von Bezugspersonen in der Pflege und in der Einzeltherapie, Gruppentherapien, in denen sie sich gedrängt fühlen, sich zu öffnen, Mitpatient*innen, die sie oder ihr Verhalten subjektiv bewerten stellen eher für diese Personengruppe oft eher eine unüberwindbare Herausforderung als eine Wachstumschance dar.

Traumatherapeutische  Fachkliniken, die in dieser Hinsicht ein optimales Angebot für Klient*innen entwickelt haben, sind zumeist auf viele Monate oder gar Jahre ausgebucht.

Auf diese Weise durchlaufen einige besonders stark Betroffene endlose Schlaufen aus Warten, Kämpfen, Retraumatisierung und Weitersuchen usw.

-> Erfahrungsbericht einer Betroffenen

DAS SYSTEM INZESTFAMILIE:

Betroffene werden meist isoliert

Bis zum Jahr 2018 wurden wurden meine von innerfamiliärer sexueller Gewalt betroffenen jugendlichen bzw. erwachsenen Klient*innen in keinem einzigen Fall durch Familienangehörige in  ihrem Therapieprozess unterstützt. Nach einem fast identischen Muster wurden alle in subtiler Weise aus dem System ausgegrenzt, ihr Leid und ihre Hilferufe ignoriert. Wenn jemand das Familiensystem verlassen musste, war es die betroffene Person selbst, nicht die Täterperson. Häufig wurde die Inanspruchnahme von Therapieangeboten von der Herkunftsfamilie lächerlich gemacht oder abgewertet. Hilfestellungen und Schutz fanden meine Klient*innen, wenn überhaupt, ausnahmslos außerhalb des Systems, d.h. bei Partner*innen, professionellen Anlaufstellen oder Freund*innen.

KIRCHEN UND SEKTEN:

Schweigen und zum Schweigen bringen

Untersuchungskommissionen brachten in den vergangenen Jahren unzählige Fälle sexualisierter Gewalt ans Licht, die über Jahrzehnte oder länger Usus in Kirchen waren. Auch in Sekten wurden Fälle bekannt, in denen  u.a. ritualisierte sexualisierte Gewalt ausgeübt wurde.

Die Berichte dieser Kommissionen zeichnen das Bild von Systemen, die immense Machtstrukturen etabliert haben und durch Bildung von Seilschaften, Geheimhaltung und Verunglimpfung der Betroffen das Verlassen des Systems und die Veröffentlichung der Gewalttaten verhindern.

Ähnlich wie in Inzestfamilien zeigt sich hier die völlige Abwesenheit von Empathie den Betroffenen gegenüber. Viele derer, die in diesem System um Gerechtigkeit und Wiedergutmachung gekämpft haben und noch kämpfen, werden auf Grund der massiven Widerstände und Abwertungsstrategien, die ihnen entgegengebracht werden, retraumatisiert.

DAS SOZIALE FELD:

Sexualisierte Gewalt ist allgegenwärtig – Reden darüber  ein Tabu

Seit einigen Jahren erfahren wir durch die Medien das  Ausmaß sexualisierter Gewalt auf allen gesellschaftlichen Ebenen – in Kirchen, Institutionen, beim Film, aber auch in “ganz normalen“  Familien, Firmen, Schulen, Kindergärten, sozialen Einrichtungen oder im Sport. Im Internet und im Darknet hat sich zudem eine gigantische Industrie etabliert, die mit der Darstellung und Weiterverbreitung von sexualisierter Gewalt an Kindern und Erwachsenen handelt.

Dennoch bleibt das Reden darüber zu einem großen Teil tabuisiert. Bis heute müssen Betroffene mit Abwertung und Verleumdung rechnen, wenn sie sich öffentlich outen. Die Mechanismen, Betroffene zum Schweigen zu bringen, sind vielfältig und greifen nach wie vor.

Aber auch im näheren sozialen Umfeld  sind Gespräche über sexualisierte Gewalterfahrungen meist nicht erwünscht. Betroffene  erleben, wenn sie sich anvertrauen, dass sie Unwohlsein bei ihren Gegenübern auslösen. Sie erhalten Schweigen zur  Antwort, das Gespräch wird abrupt beendet, das Thema gewechselt oder sie stoßen auf die beschriebenen Abwehrmechanismen (v. a. Bagatellisierung oder Reaktionsbildung).  Selten ist jemand da, der oder die die Spannung aushält und wirklich wissen möchte, was passiert ist und wie es ihnen damit geht. Hilfsangebote aus dem sozialen Umfeld gibt es nicht oft.

Sich jemandem anzuvertrauen stellt für Betroffene ohnehin eine immense Hürde dar. Ein Gespräch, bei der die sich outende Person sich nicht angenommen fühlt, führt fast immer dazu, dass sie nie wieder über ihre Erfahrung sprechen möchte. Gleichzeitig ist es eine zusätzliche, kaum zu tragende Bürde, mit der Belastung allein zu bleiben.

DIE GESETZLICHE EBENE

Sexualisierte Gewalt wurde erst im Jahr 2020 juristisch als „Verbrechen“ und nicht länger als „Vergehen“ eingestuft. Auch dies spiegelt den bisherigen gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema wider. Menschen, die jahrzehnte- oder lebenslang mit den Folgen ihrer Gewalterfahrung zu kämpfen hatten, befanden sich in einer Welt, in der diese Gewalttaten als minder schwere Delikte galten.

Im katholischen Kirchenrecht wurde 2021 – erst als Reaktion auf den bereits Jahre andauernden „Missbrauchsskandal“ – sexualisierte Gewalt nicht länger als  „Straftat gegen den Zölibat“ sondern als  „Straftat gegen das sechste Gebot“, unter der Rubrik „Straftaten gegen Leben, Würde und Freiheit des Menschen“ eingestuft.