Zurück in die Kraft!

Wie können wir in der therapeutischen Situation dazu beitragen?

In diesem Kapitel sind die therapeutischen Grundhaltungen und Interventionen zusammengestellt, die aus meiner Erfahrung für einen gelungenen therapeutischen Prozess essentiell sind – unabhängig vom jeweiligen therapeutischen Ansatz.

Es ist eine offene Liste, die durch Ihr Feedback ergänzt werden kann.

Bewusstheit über Schwere und Auswirkungsgrad des Traumas

Wenn wir mit Betroffenen arbeiten, brauchen wir Bewusstheit darüber, wie tief und einschneidend diese Traumatisierung sein kann. Therapeutinnen und Therapeuten benötigen ein hohes Maß an Empathie, genaues Verständnis für die Situation Betroffener und die Bereitschaft, individuelle Lösungen zu erarbeiten. Gleichzeitig ist eine gut entwickelte Routine in Selbstfürsorge mit gesunden, deutlich kommunizierten Grenzen auf der Seite der Behandelnden wichtig.

Authentizität und Da-sein

In der Therapiesituation können wir an unsere eigene Grenzen stoßen, z. B. weil wir angesichts der unvorstellbaren Geschehnisse keine geeigneten Worte finden oder uns aufgrund unserer eigenen Sexualerziehung selbst befangen fühlen. Eventuell geraten wir auch angesichts der emotionalen Verfassung der Klientin oder des Klienten an eigene emotionale Grenzen. An manchen Stellen können wir uns vielleicht tatsächlich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, in der Situation zu sein, die das Gegenüber uns gerade beschreibt.

Meiner Erfahrung nach haben Betroffene nicht die Erwartung, dass ihnen in erster Linie Lösungswege aufgezeigt werden. Meist geht es einfach darum, mit dieser Erfahrung da sein zu dürfen, und sie, wenn das möglich ist, zu teilen. Zu erleben, dass ihnen jemand glaubt und den Versuch macht, sich in sie hinein zu fühlen. Wege, die aus der Situation hinausführen, können dann beschritten werden, wenn die Person sich sicher, angenommen und verstanden fühlt.

Klare Positionierung

Im Unterschied zu den meisten in der Therapie bearbeiteten Beziehungsthemen ist es im Fall sexualisierter Gewalt notwendig, sich nicht neutral, sondern parteilich auf der Seite der Betroffenen zu positionieren. Die Machtverhältnisse zwischen Täterpersonen und Betroffenen waren nicht ausgeglichen, als sie geschahen, somit braucht der verletzte innere Anteil Betroffener eine ausschließlich für seine Seite tätige Interessensvertretung. Wenn wir Betroffene noch vor der Verarbeitung des Traumas dazu bewegen, die Perspektive oder die guten Seiten der Täterperson zu sehen oder  Vergebung und Versöhnung einleiten, lenken wir den Focus vom inneren Prozess der Person ab und verstärken deren ohnehin vorhandenen Selbstzweifel.

Den Selbstwert stärken

Sexualisierte Gewalt ist eine Form massivster Abwertung einer Person. Betroffene fühlen sich wie zu einem Gegenstand degradiert, der lediglich die Funktion hat, die Bedürfnisse und das Machtstreben einer anderen Person zu befriedigen.

Je nachdem, wie lange und unter welchen Umständen Klientinnen und Klienten der sexualisierten Gewalt ausgesetzt waren, kann ihr Selbstkonzept und der Selbstwert zutiefst beeinträchtigt sein. Sie haben gelernt, abwertend über sich selbst zu denken, ihre Gefühle in Frage zu stellen und sich für Dinge verantwortlich zu machen, für die sie keine Verantwortung tragen. Oft übernehmen sie die Schuld- und Schamgefühle, die faktisch auf der Seite der Täterperson anzusiedeln wären.

Selbstabwertendes Verhalten besteht meist auch lange nach Beendigung der Gewalt.  In manchen Fällen äußert es sich in Form von Selbstvernachlässigung, selbstabwertender Sprache oder selbstgefährdendem, übersexualisiertem und vulgärem Verhalten. Oft spiegeln auch Personen im Umfeld von Klientinnen und Klienten diese Abwertung wider.

Als Behandelnde können wir uns in der Vorstellung dennoch mit der persönlichen Würde der uns gegenübersitzenden Person verbinden und diese im Kontakt widerspiegeln.

Wir können verbal anerkennen, welche tief verletzenden Situationen sie durchleben mussten und den Mut und die Stärke hervorheben, den die Person dafür aufgebracht hat, in dieser Notlage professionelle Hilfe auf den Weg zu bringen.

Die Perspektive anzubieten, dass die sexualisierte Gewalt eine Erfahrung war und nicht die Person ausmacht, kann Betroffenen bei der Disidentifikation von dem Geschehen helfen. Ressourcenorientierte Verfahren können darüber hinaus, Stärken, Talente und Leidenschaften der Betroffenen wiederbeleben und in die Aktion bringen. (Einige meiner Klientinnen entdeckten z. B.  ihre Talente als Malerinnen.)

Fremdbestimmung vermeiden

Einer unberechenbaren, gefährlichen Situation ausgeliefert zu sein ist eine der Hauptursachen für die tiefe Traumatisierung Betroffener. Im therapeutischen Setting gilt daher, jegliche Form der Fremdbestimmung für diese Personengruppe zu vermeiden.

Hierzu ist es förderlich, alle für das therapeutische Setting geltenden Bedingungen und Entscheidungen im offenen Dialog mit den Betroffenen zu klären. Therapeutische Übungen und Erfahrungsexperimente detailliert anzukündigen und den Klientinnen und Klienten zu beschreiben, was sie erwartet, hilft, ihre Ängste vor neuartigen Erfahrungen zu verringern. Jedes Erfahrungsexperiment sollte eine Exit-Vereinbarung enthalten, sodass die Person jederzeit die Kontrolle über ihre Situation behalten kann.

Zum Körper zurückfinden

Viele Betroffene, v. a. diejenigen mit wiederholter sexualisierter Gewalterfahrung, dissoziieren ihr Körpergefühl, da es Erinnerungen an Schmerz und Demütigung in sich trägt. Einige beschreiben es so, dass sie ihren Körper nicht mehr bewohnen können, da es kein guter Ort ist. Sie fühlen sich beschmutzt oder sie befürchten, von den Empfindungen, die sie spüren würden, überwältigt zu werden.

Die Folge ist, dass viele in einem ungeerdeten Zustand verweilen, sich in Gedankenkreisläufen verfangen und sich nicht mehr spüren können. In Folge dessen kommt es in vielen Fällen zu psychosomatischen Störungen oder zu Suchtverhalten.

Den eigenen Körper wieder zu „bewohnen“ – als Quelle von Wohlgefühl, Lust und Zuhause-sein –  und wieder Zugang zum  ganzen Erlebensspektrum zu haben, ist ein wichtiges Therapieziel. Die Wege, Kontakt zum Körperempfinden wiederherzustellen, können – abhängig vom jeweiligen – Ansatz verschieden sein.

Antizipation von Abwehrmechanismen im sozialen Umfeld

Betroffene, die sich outen, sind im Regelfall mit ausgeprägten gesellschaftlichen, familiären und persönlichen Abwehrmechanismen konfrontiert, nur selten mit Empathie und Hilfsangeboten. Es empfiehlt sich, gemeinsam genau hinzusehen, ob  sich Personen im Umfeld sichtbar und glaubwürdig auf ihre Seite stellen. Behandelnde sollten sich der Tatsache bewusst sein, dass dies nicht immer der Fall ist. Betroffene zu ermuntern, Menschen einzubeziehen, die keine ernsthafte Loyalität aufweisen, kann retraumatisierend wirken und prekäre Situationen zur Folge haben. Zudem werden so die ohnehin vorhandenen Zweifel Betroffener an der eigenen Wahrnehmung vergrößert. Hilfreich kann an dieser Stelle sein, das Vertrauen in die Unterscheidungsfähigkeit Betroffener zu stärken.

Kenntnisse über sexualisierte Gewalt begünstigende Systeme und ihre Strategien

Sexualisierte Gewalt begünstigende Systeme (Institutionen oder Inzestfamilien) wenden subtile Strategien an, die zum Ziel haben, ihre Macht und das System als Ganzes zu erhalten. Einige von ihnen können Betroffenen nicht nur schaden, sondern z. B. ihre geistige oder körperliche Gesundheit oder ihren gesellschaftlichen Ruf ernsthaft gefährden. Wenn Behandelnde in der Lage sind, derartige Strategien zu  identifizieren, können sie gemeinsam mit Betroffenen wirksame Schutzmechanismen entwickeln. Fortbildungen zu diesem Thema wären daher wünschenswert. (Siehe auch: Politische Forderungen)

Realistischer Blick auf idealisierte Institutionen

Sexualisierte Gewalt findet häufig gerade dort statt, wo sie am wenigsten vermutet wird, Z. B. in Familien mit einem hervorragenden gesellschaftlichen Ruf, in Kirchen mit besonders hervorgehobener Sexualmoral, bei international anerkannten spirituellen Lehrern, in Praxen von so genannten „Startherapeuten“, bei beliebten Vertrauenslehrern und Sporttrainern*. Hier brauchen Therapeutinnen und Therapeuten einen unverstellten Blick und die Vorstellungskraft, dass auch bzw. gerade dort sexualisierte Gewalt stattfinden kann.

Bestärkung der Autonomie bezüglich Nähe und Distanz

Wenn Klientinnen und Klienten den Wunsch äußern, den Kontakt zu Mitgliedern ihrer Inzestfamilie abzubrechen oder einem Missbrauchssystem zu verlassen, werden sie oft sowohl von ihrem sozialen Umfeld als auch zuweilen von Behandelnden beschwichtigt und in ihrem Vorhaben ausgebremst. So erhalten manche den Rat, sich zu arrangieren, eine Aussprache anzustreben oder Täterpersonen „so zu nehmen, wie sie sind“. Auch wenn die Gewalttaten bereits beendet wurden sind Betroffene, die in Familien oder Institutionen mit diesen Merkmalen verweilen, meist über lange Zeiträume weiteren subtilen Abwertungsmustern oder sogar neuerlichen Übergriffen ausgesetzt.

Eine vorübergehende oder dauerhafte Distanzierung kann aus diesen Gründen ein durchaus notwendiger Schritt sein, um Betroffenen Sicherheit vor erneuten Übergriffen zu gewährleisten und ihnen die Chance zu geben, ein gesundes Selbstbild ohne den Einfluss überkommener Rollenbilder aus der Vergangenheit zu etablieren.

In vielen Fällen ist es notwendig, Klientinnen und Klienten aktiv und wiederholt darin zu bestärken, dass sie eine Wahl und das Recht haben, Nähe und Distanz in allen persönlichen Beziehungen autonom zu regeln.

Falls sie sich für Distanz entscheiden, benötigen die Betroffenen von therapeutischer Seite her i. d. R. konkrete Unterstützung bei der Umsetzung dieses Vorhabens und ihrer Situation angepasste Schutzvorkehrungen. Wenn sie in der Nähe von toxischen Systemen oder Personen verharren, kann es hilfreich sei, ihre Selbstwahrnehmung in verschiedenen Situationen zu schärfen, damit sie frühzeitig Warnsignale aufnehmen, wenn sie  Abwertung erfahren oder ihnen erneut Gefahr droht.

Weitere Hilfsangebote vermitteln

Die spezielle Situation Betroffener braucht, wie oben beschrieben, Unterstützung auf verschiedenen Ebenen. Es ist hilfreich, wenn Behandelnde Kontaktdaten zu Fachberatungsstellen und andere Hilfsangebote bereit halten, die z. B. über Strafanzeige, Gerichtsverfahren und psychosoziale Prozessbegleitung  informieren oder Kontakt zu Selbsthilfegruppen vermitteln. 

Politische Forderungen

Zur Verbesserung der Gesamtsituation Betroffener sind darüber hinaus folgende Reformen notwendig:

  • Eine verbesserte, unbürokratischere psychotherapeutische Grundversorgung sowie ein Ende der Beschränkung psychotherapeutischer Behandlungen,
  • konsequentere Strafverfolgung durch Polizei und Gerichte, angemessenere Strafen und unbürokratischere Entschädigungen für Betroffene
  • fachspezifische Fortbildungsangebote für Menschen in sozialen Berufen
  • Staatliche Förderung für die Verbreitung von Schutzkonzepten in Schulen, Kindergärten und Sportvereinen